MUSEUM WINNWEILER
Jüdisches Museum der Nordpfalz mit Gienanthabteilung

Judentum

 

                  
 








Holzmenora im Außenbereich des Museums
 



Zum Hauptschwerpunkt unseres Museums "Judentum"

Das Thema Judentum allgemein, unter besonderer Berücksichtigung 
des historischen Dorf- und Kleinstadtjudentums der Nordpfalz, ist der Hauptschwerpunkt unseres Museums.


Wir haben diesen Hauptschwerpunkt gewählt, um an die zahlreichen Juden zu erinnern, die einst in der Nordpfalz - und ganz besonders auch im Raum Winnweiler – gelebt haben und daran, dass ihnen dieser Raum auch manches zu verdanken hat.

 

Unser Museum erinnert selbstverständlich auch an die Shoa (Holocaust) und regt zum Gedenken an die Opfer an. Dennoch darf es nicht auf ein Holocaustmuseum oder eine Gedenkstätte reduziert werden. Unser Ziel ist es, möglichst umfängliche Informationen über das Judentum zu vermitteln. Wir wissen, dass dort wo keine oder nur geringe Kenntnisse über das Judentum vorhanden sind, der stärkste Antisemitismus und auch die größte Ausländerfeindlichkeit anzutreffen sind. So hoffen wir auch einen – wenn auch kleinen - Beitrag zur Toleranzerziehung allgemein und insbesondere auch gegenüber dem Judentum leisten zu können.

Vermitteln wollen wir insbesondere

  •  Grundzüge der jüdischen Geschichte Mitteleuropas, einschließlich des Schicksals der Juden in der NS-Zeit und in diesen Rahmen eingebunden, die Geschichte und das Leben der einstigen Dorf- und Kleinstadtjuden der Nordpfalz,
  •  Grundzüge des jüdischen Glaubens, des jüdisches Lebens und jüdisches Brauchtum, insbesondere in den Formen, wie sie früher auch unter den nordpfälzischen Juden geübt wurden. Die Ausstellungsobjekte gerade zu diesem Themenbereich können dabei durchaus auch aus anderen Gegenden oder aus dem Ausland stammen, da sie - von manchmal kleinen stilistischen Unterschieden abgesehen - in ganz ähnlicher Form auch in unserem Raum verwendet wurden.

In unserem  Hauptraum der jüdischen Abteilung, der im Prinzip aus vier zusammenhängenden, gegeneinander offenen Räumen besteht, sind jeweils schwerpunktmäßig folgende Themen dargestellt:

  • Jüdische Geschichte Mitteleuropas, beginnend mit dem frühesten Vorkommen von Juden im mitteleuropäischen Raum (wohl bald nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n.d.Z.) bis unmittelbar in die Zeit vor Hitlers Machtergreifung,
  • Geschichte der Juden in der NS-Zeit, beginnend mit der Machtergreifung am 30. Januar 1933, bis zum Ende des pfälzischen Judentums mit der Deportation nach Gurs in Südfrankreich am 22. Oktober 1940,
  • einstiges jüdisches Leben in der Nordpfalz, wie z.B. besondere historische Ereignisse, die zahlenmäßige Entwicklung, die beruflichen und sozialen Verhältnisse der nordpfälzischen Juden, einschließlich der Standorte von Synagogen und Friedhöfen und deren Schicksale oder wie z.B. bedeutendere jüdische Persönlichkeiten mit Bezug zur Nordpfalz, 
  • Aspekte jüdischen Glaubens und jüdischen Lebens, wie z.B.
          - die religiös relevanten Stationen im jüdischen Leben,    
          - der jüdische Kalender und seine Fest-, Fast- und Trauertage,
          - die Reinheitsgebote für Körper und Geist (Speisevirschriften, Ritualbad)
                                                      und manches andere.
                                                                                                                                                                       Gerade diese Themenkreise sind recht gut ausgestattet, mit vielen interessanten Ritualgegenständen oder z.B. auch er Installation eines typischen Sabbattisches, wie er am Freitagabend üblich ist und war.

Ein etwas kleinerer Raum im Obergeschoß ist speziell dem Judentum in Winnweiler selbst gewidmet.


Werner Rasche,
Von den Juden in Winnweiler  

A. Vorbemerkungen – Grundzüge der Entwicklung

 Vor allem nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer - im Jahre 70 nach der Zeit - verbreiteten sich die Juden in vielen Gegenden des Römischen Reiches außerhalb Palästinas.

Es wird angenommen, dass Juden im Gefolge der Römer als Soldaten oder Händler spätestens um 100 n.d.Zt. in den rheinischen Raum kamen und in den römischen Garnisonsstädten lebten (Köln, Mainz, Worms, Speyer u.a.). Erstmals urkundlich nachgewiesen ist eine jüdische Gemeinde allerdings erst für das Jahr 321 in Köln.

Auch für die Karolingerzeit gibt es Nachweise für Juden, nicht zuletzt im Umfeld von
Karl dem Großen im Raum Aachen.

Um die Zeit des ersten Kreuzzuges im Jahre 1096 mit seinen schlimmen Ausschreitungen gegen die rheinischen Juden, lebten Juden schon in sehr vielen Städten des rheinischen Raumes. Ihr Vorkommen beschränkte sich aber immer noch auf die Städte. In ländlichen Bereichen lassen sich für diese Zeit noch keine Juden nachweisen.

Erst ab 1276 leben Juden auch in einzelnen Orten der Nordpfalz und zwar zunächst vor allem im Herrschaftsgebiet der Raugrafen von Altenbamberg (z.B. in Rockenhausen und in der Herrschaft Stolzenberg im mittleren Alsenztal). Um 1348/49 – der Zeit der Verfolgungen während der Pestperiode – waren Juden auch schon in Odernheim, Obermoschel und ebenfalls in Rockenhausen wohnhaft. Man weiß es nur deshalb, weil sie damals auch verfolgt wurden. Gerade in dieser Zeit wanderten viele Juden nach Osten aus und viele zogen auch aus den Städten auf das Land. Dazu kamen im 14. und 15. Jh. viele Vertreibungen von Juden aus Städten, Herrschaftsgebieten und Ländern.

Dies alles führte dann zu einer Umschichtung. Bald lebte die weit überwiegende Anzahl von Juden in ländlichen Bereichen.

1641/42 sind dann erstmals Juden in unmittelbarer Nähe von Winnweiler genannt: Zwei Juden wohnten damals auf der Falkensteiner Burg, wo sie Kammern angemietet hatten und vielleicht eine Form von kleineren „Hofjuden“ darstellten.

 In der damals französischen Nordpfalz stieg die Zahl der Juden ab ca. 1800 stark an und ab Mitte des 19. Jh. gingen die Zahlen wieder rasch nach unten. Große Teile der jüdischen Bevölkerung – vor allem viele ganz junge Leute – wanderten aus, insbesondere nach USA. Andere verzogen in verkehrsgünstiger gelegene Gemeinden und in große Städte. Eine wirtschaftliche Verbessrung war das Ziel dieser Wanderungsbewegungen. Die jüdische Bevölkerung unseres Raumes nahm nicht nur extrem ab, sie überalterte auch.

Das Judentum in der Nordpfalz endete am 22. Oktober 1940, als die letzten pfälzischen, saarländischen und badischen Juden von den Nazis nach Gurs in Südfrankreich deportiert wurden. Die jüdische Gemeinde Winnweiler bestand damals noch aus neun Bürgern, die in diesem Zusammenhang deportiert wurden. Zwei von Ihnen kehrten 1947 zurück (Ehepaar Isak Frank).

 B. Die frühen Juden in Winnweiler

1673, im Zusammenhang mit einem Überfall des französischen Marschalls Turenne auf das damals lothringische Winnweiler, erfahren wir erstmals von einem Juden in Winnweiler. Er hieß Moises (vermutlich war es eine Familie) und war damals – wie alle Bewohner – ausgeplündert worden.

1677 lebten hier zwei, 1700 drei und 1712 waren es vier Familien. Bald waren es dann 5 Familien (1753 sind sie erstmals alle namentlich bekannt). Die Familienzahl blieb dann bis zur Revolutionszeit in den 1790er Jahren unverändert, da sie von der Landesherrschaft der habsburg-lothringischen Grafschaft Falkenstein festgelegt war.

Das damals hier geltende Judenrecht war 1770 vom habsburg-lothringischen Oberamtmann der Grafschaft, Reichshofrat Freiherr von Moser, in einer

Verordnung wegen der Juden in der Kayserlichen Reichs-Grafschaft Falckenstein“ zusammengefasst worden.

Vermutlich wohnten im 18. Jh. die meisten hiesigen Juden, im sogenannten „Pariser Eck“ in der Schlossstraße (gegenüber der Eisdiele Gaden), wo auch noch im 19. und im 1. Drittel des 20. Jahrhunderts immer mehrere jüdische Familien wohnten.

    Das "Pariser Eck" in der Schlossstraße, im Zustand vor 1990. Es war im 18./19. Jh möglicherweise 
    eine Art "Judenhof".

C. Die Gründung der israelitischen Kultusgemeinde – der „heiligen Gemeinde Winnweiler“

 Bis vor kurzem war der Gründungszeitpunkt der israelitischen Kultusgemeinde Winnweiler unbekannt. Es wurde aber angenommen, dass wohl spätestens um 1750 eine gottesdienstfähige Gemeinde hier vorhanden war. Erforderlich war dazu ein Minjan, d.h. zehn religionsmündige, also mindestens 13-jährige Männer.

Durch einen Zufall ist die Aufschrift und der Text des Titelblattes eines Memorbuches der Kultusgemeinde zuverlässig in einer Abschrift überliefert worden, die erst um  2012 wieder entdeckt wurde. Daraus ergibt sich, dass die „Kehilla Winnweiler“, die „heilige Gemeinde Winnweiler“ im Jahre 5497 jüdischer Zeitrechnung, das war nach unserem Kalender das Jahr 1737, gegründet wurde.

Die religionsmündigen jüdischen Männer aus Winnweiler selbst werden wohl nicht ganz ausgereicht haben. Aber es lebten damals auch in Imsbach, in Lohnsfeld und vermutlich in Alsenbrück bereits einige Juden, die bei der Gründung wohl mitwirkten. Die Juden dieser drei Gemeinden gehörten dann auch immer zur Kultusgemeinde Winnweiler.

 D. Die Einrichtungen der Kultusgemeinde

 1. Der jüdische Friedhof

 Schon um 1721 war in Winnweiler auch ein jüdischer Friedhof begonnen worden, der den Juden von Winnweiler (mit Imsbach, Lohnsfeld und Alsenbrück) sowie  Münchweiler/Alsenz (mit Gonbach und Neuhemsbach) gemeinsam gehörte und gemeinsam benützt wurde. Der „Israelitische Friedhofsverein Winnweiler-Münchweiler“ war Träger des Friedhofs und fungierte im Bedarfsfall auch als „Chewra Kaddischa“ (Beerdigungsbruderschaft).

1856/57 wurde dort eine zwar einfache, aber doch mit einigen neuromanischen Schmuckelementen versehene Trauerhalle, mit Zeltdach und einem Grundriss von  7 x 7 Metern, ein kubischer Zeltdachbau, errichtet, der sich erfreulicherweise erhalten hat. Er stellt den einzigen unverändert erhaltenen und eigentlich nie zweckentfremdeten jüdischen Kultbau der Nordpfalz dar.

Der Friedhof ist mit einer Größe von gut 6000 Quadratmetern und ca. 350 erhaltenen Grabsteinen der größte jüdische Friedhof in der Nord-und Westpfalz und gehört zu den größten jüd. Friedhöfen der Pfalz. Unter den 330 jüdischen Friedhöfen in Rheinland-Pfalz rangiert er der Größe nach immerhin noch an 11./12. Stelle.

             Blick vom jüngeren Teil des Friedhofs auf die Trauerhalle

 2. Die Synagogen (Beträume)

 Mindestens drei Beträume/Synagogen müssen im Laufe der 267-jährigen Geschichte der Israelitischen Kultusgemeinde Winnweiler in Gebrauch gewesen sein, die nachfolgend mit Winnweiler I, II und III bezeichnet werden.

Zwischen II und III waren kurzzeitig auch die jüdische Schule und auch ein Raum in einem Privathaus in der Neugasse, dem ursprünglichen gemeindlichen Hirtenhaus, als Beträume benutzt worden.

Winnweiler I:
Standort unbekannt.
Mindestens ein Betraum muss ab Gründung der Gemeinde (1737) vorhanden gewesen sein. Er wird sich sicher in einem privaten Wohnhaus einer der 5 jüdischen Familien (mögliherweise im „Pariser Eck“) befunden haben und kann durchaus auch nur während der offiziellen Gottesdienste Betraum und ansonsten Wohnraum einer Familie gewesen sein. Näheres dazu ist bisher noch nicht bekannt geworden.

Winnweiler II:

Standort:
Vorgängerbau des heutigen Hauses Marktplatz 13 (z.Zt. Sonnenstudio)
Die Israelitische Kultusgemeinde Winnweiler kaufte sich in das v.g. Haus des damaligen jüdischen Metzgers Abraham Strauß durch einer Art Stockwerkseigentum ein  und errichtete dort 1819/20 im Ober- und Dachgeschoss eine Synagoge.

 Im Obergeschoss befand sich der Männerbetraum und darüber im Dachgeschos – durch einen Ausschnitt gegen das darunter befindliche Obergeschoss zu geöffnet – befand sich die Frauenempore.

Auf der Ostseite des Obergeschosses war, baulich durch einen auf Stützen über dem Hof stehenden kleinen Vorbau, der Toraschrein angebracht. Der eigentliche Synagogenraum (Männersynagoge) war ca. 5 x 7 Meter groß.

Das Wohnzimmer der Familie Strauß durfte z.B. für Sitzungen und andere Zusammenkünfte mitbenützt werden.

Im Erdgeschoß befand sich dann die restliche Wohnung Strauß und deren Metzgerladen bzw. seit irgendwann in der 2. Hälfte des 19. Jh., der Eisen- und Haushaltswarenladen der Familie Emanuel Tuteur.

Die 1830 gegründete jüdische Volksschule befand sich bis 1845 ebenfalls in dieser Synagoge.

In den 1890er Jahren war das Haus baulich in einem schlechten Zustand, Schon 1896 wurde deshalb ein Synagogenbauverein gegründet, um eine neue Synagoge zu errichten. Als 1899 die bisherige Synagoge wegen Baufälligkeit geschlossen wurde, ging es deshalb auch recht schnell mit einem Neubau. 

        In diesem Gebäude am Marktplatz (Obergeschoss und Dachgeschoss) befand sich
          
von 1819/20 bis 1899 die Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde Winnweiler

Winnweiler III:
Standort: Gymnasiumstraße links, im Bereich des heutigen Grundstücks Karl Folz, oberhalb des 1984 errichteten Gedenksteins.
Ursprünglich „Stockborn“. Nach dem Bau damals: Synagogengasse, 1933 von den Nazis umbenannt in Realschulstraße, später dann Gymnasiumstraße.

Nach Schließung der alten Synagoge am Marktplatz hatte sich der ja schon bestehende Synagogenbauverein  relativ schnell für eine neue Synagoge "im Stockborn"  entschieden und schon am 25. August 1900 fand die Grundsteinlegung statt. Am 28. Juni 1901 wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und im Beisein des Bürgermeisters, der Gemeinderäte und der Geistlichen der beiden christlichen Konfessionen, die schöne Synagoge eingeweiht.

Architekt des im neuromanischen Stil errichteten Bauwerkes war Prof. Ludwig Levi aus Karlsruhe, der als Planer zahlreicher, großer Synagogen und als Erbauer einer Reihe von christlichen Kirchen ein damals sehr bekannter Baumeister war. Örtlicher Bauleiter war der Bezirksbaumeister Seeberger vom Bezirksamt Rockenhausen.

Das Raumprogramm bestand aus einer Vorhalle und dem Hauptraum, der auf der Nord-, Süd- und Westseite eine Frauenempore enthielt. Im Hauptraum befanden sich 44 Männerplätze und auf der Empore, die über eine Treppe von der Vorhalle aus erreichbar war, 30 Sitzplätze für Frauen.

An der Südostseite (allerdings mehr Südseite) befand sich in einer Apsis der Almemor (eine um drei Stufen erhöhte Estrade mit dem Tisch des Vorbeters, einem achtarmigen Leuchter und einem Rabbinerstuhl). Dahinter an der Wand befand sich das Allerheiligste, der Aron ha Kodesch (Toraschrein). Vor dem Schrein befand sich Ner Tamid, das Ewige Licht.

 

Zum Schicksal der Synagoge (Winnweiler III) in der NS-Zeit

Schon 1937 waren fast alle Fensterscheiben eingeworfen worden.

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde diese schöne Synagoge durch einen SA-Trupp (wohl aus dem unteren Alsenztal) niedergebrannt. Um ca. 4.00 Uhr morgens brannte sie. Wie fast überall gab es auch hier keinen Löscheinsatz der Feuerwehr.

Unter den Schaulustigen befand sich u.a. auch eine Frau der damaligen Winnweilerer „besseren Gesellschaft“. Ihre Äußerung „Ach was ein köstliches Feuer“ ist durch Zeugen überliefert und ist ein Beispiel für die Denkweise mancher Zeitgenossen.

Zum Teil noch in der Nacht, zum Teil am nächsten Tag, wurden die Wohn- und Geschätsräume hier noch lebender Juden vom Nazipöbel demoliert, wobei auch eine alleinstehende, ca. 70jährige Frau (Mathilde Allmann) körperlich misshandelt wurde. Alle Männer wurden für einige Zeit in das frühe KZ nach Dachau verbracht.

Die Reste der Synagoge wurden dann im nächsten oder übernächsten Jahr durch eine Pioniereinheit gesprengt.

Das Grundstück wurde nach dem Krieg an die Gemeinde Winnweiler verkauft und heute befindet es sich als Hoffläche und Park- und z.T. als bebaute Fläche in Privatbesitz.

1984 ließ die Gemeinde Winnweiler an der Giebelwand eines Nachbargrundstücks (wenig unterhalb des Standortes der Synagoge) eine steinerne Gedenktafel anbringen.

3. Die Mikwe (Ritualbad) der Kultusgemeinde

Viele jüdische Familien hatten bis weit in das 19. Jh. hinein eine eigene Mikwe – meist ein Loch im Kellerboden, das sich mit Grundwasser füllte und in das hinein bestenfalls einige Stufen führten. Bessere oder gar beheizbare Ritualbäder waren in unserem Raum selten.

Jede jüdische Gemeinde hatte ein solches Bad als öffentliches Kultbad.

Ab 1828 bemühte man sich in Winnweiler um die Herstellung eines vernünftigen Bades, aber wohl ohne Erfolg.

Wohl seit etwa Mitte des 19. Jh. befand sich dann eine Mikwe der Kultusgemeinde im Keller des heutigen Hauses Nr. 30 der Schlossstraße. Das Haus war damals eine Gastwirtschaft im Besitz der jüdischen Familie Weiler.

Wie lange diese Mikwe dort genutzt wurde und näheres über ihre Art und Ausstattung ist nicht bekannt. Bei den früheren Hausbesitzern (es war dann eine Bäckerei) hatte sich mündlich die Überlieferung erhalten, dass um 1900 beim Einbau eines Backofens im Kellergeschoss die Reste der Mikwe entfernt worden seien.

Die jüdischen Frauen von Winnweiler hatten 1863 einen Frauenverein gegründet, dessen Ziel die Errichtung eines Frauenbades war. Zu einem Bau scheint es aber nicht gekommen zu sein.

                                In dem Haus links vorn befand sich im 19. Jh. ein jüdisches Gasthaus 
                                einer Familie Weiler und in dessen Keller befand sich die Mikwe.

4. Die jüdische Volksschule

 1823 war im Königreich Bayern auch für die jüdischen Kinder die allgemeine Schulpflicht eingeführt worden.

1830 – nachdem vorher wohl schon ein Cheder (Religionsschule für Kinder) oder gar eine Winkelschule (eine ungenehmigte Schule) bestanden hatte, wurde der Kultusgemeinde die Einrichtung einer Volksschule genehmigt, die damals dann in der Synagoge am Marktplatz eröffnet und dort bis 1845 betrieben wurde.

1845 erwarb die Kultusgemeinde die bisherige protestantische Schule in der Neugasse (heutiges Haus Marx, Neugasse 3) und verlegte ihre Schule dahin. Ein Teil des Hauses war Lehrerdienstwohnung.

Zeitweilig hatte die Schule zwei Lehrerstellen. Der letzte Lehrer war David Rosenwald, der zugleich auch Beigeordneter der Gemeinde Winnweiler war. In seiner Zeit wurde 1926 die Schule aufgelöst, weil infolge der Überalterung der jüdischen Bürger nur noch 1 Schüler vorhanden war.

Die jüdischen Lehrer übten immer auch das Amt des Kantors (Vorbeters) in der Synagoge aus und waren als Schächter für die rituellen Schlachtungen in der Gemeinde zuständig.

 

   Das spätere Haus Marx in der Neugasse -  vor seinem Umbau von 1845 bis 1926 die jüdische Schule.
   Der linke Hausteil war die eigentliche Schule, der rechte Hausteil die Lehrerdienstweohnung.
 

E. Zur beruflichen und sozialen Situation der Winnweilerer Juden

Unter den jüdischen Bürgern in Winnweiler waren wohl zu allen Zeiten viele recht arme Familien. Die Ernährungsgrundlage war der Handel, der meist im Umherziehen ausgeübt wurde. So gab es vor allem Viehhändler, Pferdehändler, Landesproduktenhändler, Hausierhändler mit Kleinwaren oder Stoffen, Tierhäuten, Leder und anderem sowie Altwarenhändler und regelrechte Lumpensammler. Der Pferdehändler stand gegenüber dem normalen Viehhändler sozial schon wesentlich höher.

Ein anderer Beruf, der mehrfach vertreten war und deren Angehörige mit zu den ärmsten Gemeindegliedern zählten, war der des Maklers. Dabei ging es nicht etwa um Immobilien, sondern v.a. um Vieh und Landesprodukte. Im Gegensatz zum Händler handelte der Makler nicht im eigenen Namen, sondern er vermittelte nur Handelsgeschäfte zwischen anderen und lebte von geringen Provisionen.

Jüdische Handwerker gab es vor 1800 außer Metzgern und Branntweinbrennern in Winnweiler keine; das Handwerk war ja den Juden auch seit dem Mittelalter kaum mehr zugänglich. Im 19. Jh. waren die Beschränkungen zwar aufgehoben, aber trotzdem gab es außer bis zu vier – meist armen - jüdischen Metzgern und einem Ziegenmetzger nur vereinzelt andere Handwerker oder handwerksähnliche Berufe. So gab es um oder bald nach 1800 z.B. einen Pottaschesieder und zwei Kerzenmacher. Später gab es für einige Zeit einen jüdischen Bäcker und einen Buchbinder.

Häufiger als bei den Nichtjuden war bei den Juden die Sitte üblich, mehrere der genannten Berufe zur gleichen Zeit auszuüben.

Erst ab etwa Mitte des 19. Jh. gingen bei uns Juden langsam zu stehenden Geschäften über und verbesserten so meist doch ihre Situation erheblich. Allerdings kamen auch die meisten von ihnen über einen unteren und mittleren Mittelstand nicht hinaus. Zum gehobenen Mittelstand konnte man kaum mehr als ein bis zwei der Winnweilerer Juden rechnen, zumal auch einige der Geschäfte zwei bis drei Familien zu ernähren hatten.

Nachstehend sollen in zwangloser Folge noch die etwas bedeutenderen stehenden Geschäfte des ausgehenden 19. und des 1. Drittels des 20. Jh. genannt sein:

·       Schlossstraße (heutiges Haus Bläsius) Tuteur und Maas, teilweise Kolonialwaren, überwiegend aber Stoff- und Manufakturwarenhandel (Anfang 20. Jh. nach Kaiserslautern umgesiedelt)

·       Schlossstraße (früheres Haus Gerlach/Pfeiffer, gegenü. Bläsius, heute durch Neubau Giloi ersetzt) Metzgerei Strauß (bis 1920er Jahre); Schlachthaus war in der Synagogengasse,

·       Marktplatz (heutige Volksbank) Kaufhaus Bender (ab 1936 „arisiert“ Jean Blüm)

·       Marktpklatz 13 (bis 1899 im Obergeschoss Synagoge) Eisen- und Haushaltswarenhandlung Tuteur (seit 1920er Jahre Willy Müller)

·       Marktplatz 5: Landesproduktenhandlung Allmann, zuletzt bis 1938: Kolonialwaren Mathilde Allmann

·       Kirchstraße (links vor Lohnsbachbrücke) Otto Tuteur, Fruchthandel und Manufakturwaren (bis 1937 oder 1938)

·       Kirchstraße (rechts oberhalb Lohnsbachbrücke) Fam. Levy, Eisen- und Haushaltswaren, Baustoffe, Düngemittel, landwirtschaftl. Maschinen, Reisebüro

(ab 1937 „arisiert“ Karl  Kirchner)

F. Einige Zahlen zur Entwicklung der jüd. Bevölkerung

    in Winnweiler von 1673 - 1940

 1673 – 1 Familie (wohl um 5 Personen)                           

1700 – 3 Familien (wohl um 15 Personen                        

1712 – 4 Familien (wohl um 20 Personen)            

1753 – 5 Familien (um 20 – 25 Personen)                       

1787 – 22   Personen                                                 

1801 – 43   Personen                                                 

1828 – 104 Personen                                                 

1834 – 143 Personen                                                 

1848 – 165 Personen

1875 – 105 Personen

1880 – 99   Personen

1900 – 81   Personen

1907 – 67   Personen

1925 – 46   Personen

1933 – 27   Personen

1940 –   9   Personen (deportiert am 22.10.1940)